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Das Land meiner Kindheit

der große Garten wird gerade plattgewalzt, eine Neubausiedlung, noch eine. Meine Tante stirbt, als ich komme. Die Leute sagen plötzlich „junge Frau“ zu mir. Der Hund meiner Freundin wird das nächste Mal wohl auch nicht mehr da sein. So viel neue Gräber. Ich bin alt geworden und die Besuche im Land meiner Kindheit sind keine Heimkehr mehr.

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heißt in diesem Fall: weiter machen!

Die Klunker haben Geburtstag. Seit zwei Jahren schreibe ich (fast) jeden Abend etwas und stelle es hier ins Netz. Am Anfang war es ein Experiment. Mittlerweile sind diese Texte für mich der Abschluss eines Tages. Gab es etwas, was mir aufgefallen ist? Worüber habe ich heute nachgedacht? Was seit Tagen schon wieder vergessen? Hatte ich eine Idee – oder bloß Launen? Wer brachte mich auf neue Gedanken? Was stand in den Zeitungen? Gibt es gerade ein Lieblingsbuch? Was schreiben die anderen Blogger/innen? Gab es nachts Träume?

Das Wichtigste für mich war tatsächlich das Anfangen und das Dranbleiben. Viele Abende saß ich ewig vor dem Bildschirm, ohne dass sich auch nur ein Satz blicken ließ. Schlimmer noch, wenn mir kein Bild zum Tag passte. Manchmal habe ich hier Themen angepackt, die ich später für meine Arbeit übernommen habe – oder umgekehrt. Oft habe ich mich erstmals zu Dingen geäussert, zu denen ich mir bis dahin keine Meinung zugetraut habe.

Gelernt habe ich, dass „Machen“ tatsächlich etwas anderes ist als „vielleicht Machen“. Dass es die beste Übung ist, Dinge zu tun, als sich nicht zu trauen. Und dass es zwar oft ernüchternd ist, was hier und da bei rauskommt, aber dass diese Ergebnisse dann doch deutlicher die Richtung weisen, wohin es gehen könnte, als wenn man nichts in den Händen hält. Was ich mir wünsche? Noch mutiger zu werden. Und mehr Texte zu schreiben, die Euch zu Antworten inspirieren. Ansonsten? Machen die Klunker jetzt mal Pause. Euch einen guten Start in die Woche – und: herzlichen Dank für Eure Anregungen und Sternchen in den letzten beiden Jahren!

 

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Verwandlung (II)

„Im Grunde will jeder von uns jemand anders sein.“ Das sagt Nick Cave während einer der zahlreichen Autofahrten in dem autobiographischen Film „20.000 Days on Earth“. Seit ich den Satz gehört habe, steckt er mir im Ohr. Weil ich mich von ihm ertappt fühle. Als Kind wollte ich ein Indianer sein, als Jugendliche vor allem schöner. Als Studentin wollte ich berufstätig sein, manchmal wollte ich mit Leuten befreundet sein, die ich nicht mal kannte oder ich wünschte mich in ein anderes Land. Es gab Zeiten, da wäre ich lieber ein Mann gewesen wäre, früher träumte ich vom Berühmtsein, heute von größerer Schlagkraft. Aber immer bin nicht ich es, sondern die Andere. Auch wenn sie nur ein bisschen schöner, ein bisschen stärker, ein bisschen schlauer wäre.

Das Tolle an diesem Wunsch, so hoffnungslos er zunächst erscheint, ist jedoch, dass er sich meist erfüllen lässt. Fast alle Menschen finden in ihrem Leben etwas von ihrem Wunsch-Ich, oder sie schaffen es, wenigstens eine Facette davon zu realisieren. Sie schaffen sich die Freiräume in ihren Freizeiten. Andere können sich ihrem Beruf anverwandeln. Klar, dass jemand wie Nick Cave, der ein Popstar geworden ist, eine – fast schon unheimliche – Verwandlung durchgemacht hat. Eine, die immer noch anhält, denn die Figur des Stars muss immer wieder mit neuem Leben gefüllt werden.

Vielleicht heißt der Satz auch so: „Im Grunde will jeder von uns viele sein.“ Weil es gut tut, zu vergessen, wer ich bin, um einen anderen Weg zu gehen – oder den gleichen Weg mit anderem Schritt und anderem Gesicht zu gehen. Die Fantasie, aus uns so viel wie möglich zu holen, gehört wahrscheinlich zu dem Wertvollsten des Menschseins. In diesem Sinn: Es lebe die Verwandlung!

Das Foto ist ein Screenshot des oben genannten Films.

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Nachmittagswunsch

Beim starken Kaffee heute in der Sonne dachte ich, wie das wohl wäre, wenn ich eine Woche Zeit hätte, einmal nur Gedichte zu schreiben. Wie ich dann den Tisch leer räumen und mit einem Sack voller Wörter überschütten würde, die ich stundenlang zu immer längeren Sätzen legen könnte. Wie ich vor einem Obstteller säße und alle Früchte mit Geduld und spitzen Fingern zu einer Collage aller je gesehenen Obstteller zusammen fügen würde. Wie ich einem, der nie bei mir war, die Wände meines Zimmers buchstabieren könnte – tick, tick, tick. Könnte ich zu Liedern anheben meines Schmerzes? Das Stottern meiner Sehnsucht singen und die raue Wut meiner Unfähigkeiten? Wie wäre es, einmal nur Gedichte zu schreiben? Und wann?

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Alexander von Humboldt

Er hatte einen sinnlichen Mund und war ein begnadeter Tänzer: Alexander von Humboldt, der heute als großer Universalgelehrter verehrt wird, war ein Multitalent. Er lebte für die Wissenschaft, aber er war auch in allen möglichen anderen Disziplinen begabt und begnadet. In seiner Nähe zu leben, mag anstrengend gewesen sein, immer wusste er alles (und besser), er kannte Gott und die Welt und hatte einige ausgezeichnete Drähte zu den verschiedenen Monarchen Europas. Er redete schnell, sogar in den ihm fremden Sprachen, so dass es schwierig werden konnte, ihm, vor allen in wissenschaftlichen Belangen, zu folgen. Er hatte sein Lebtag Hummeln im Hintern und konnte nur schwer still sitzen. Und er hatte Angst vor Gespenstern. Was man von einem Naturwissenschaftler kaum glauben mag, aber in Wahrheit war es wohl mehr die Angst vor einer übergroßen und strengen Mutter, vor der er sich sogar noch nach ihrem Tod fürchtete. Er heiratete nie und wird viele Frauen enttäuscht haben. Wahrscheinlich hatte er einige lebhafte Beziehungen zu Kollegen. Doch er war diskret (die Kollegen auch), was zur damaligen Zeit wenig verwundert. Wenn er gekonnt hätte, wäre er nach seiner Südamerikareise in Paris geblieben. Doch der Berliner König zitierte ihn zurück in die Brandenburger Sandwüste und Humboldt fügte sich. Obwohl er von seiner strapaziösen und gefährlichen Reise mehrere körperliche Schäden und Schwächen mitbrachte, wurde er fast 90 Jahre alt. Am Ende seines Lebens war er arm und resigniert. Sein Geld hatte er für seine Forschungen und immer wieder für junge Wissenschaftler ausgegeben, die er Zeit seines Lebens unterstützte. Sein Idealismus war aufgebraucht. Zu schleppend ging es mit der Freiheit und der Gleichheit der Menschen überall auf der Welt voran. Heute vor 247 Jahren wurde er in Berlin-Tegel geboren. Es muss ein sonniger Tag gewesen sein.

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